Hier für alle zum Lesen für alle das Nachwort zur neu aufgelegten, schönsten und tiefsinnigsten Geschichte über Böhmes Leben und Denken (siehe oben):

 

 Warum ist Jacob Böhme tatsächlich

der erste deutsche Philosoph ?

 

Als ich in den 80-ger und 90-iger Jahren des 20. Jahrhunderts in Berlin Philosophie studierte, kam Jacob Böhme dabei nicht vor. Er begegnete mir erst später, auf einer Neujahrswanderung auf dem Kammweg des Oberlausitzer Berglands. Dort steht am Rande des Weges, den vielleicht auch Böhme einst auf seinem Weg von Görlitz nach Dresden ging, ein großer Granitstein, in den einer der schönsten und tiefsinnigsten Gedanken Böhmes eingemeißelt ist: „Wem Zeit ist wie Ewigkeit, und Ewigkeit wie Zeit, der ist befreit von allem Streit.“

Dieser Gedanke faszinierte mich, und so begann ich, mich mit Jacob Böhme zu beschäftigen. Dies führte unter anderem zur Entdeckung, dass dieser Landstrich im Herzen Europas erstaunlich viele weltbewegende Geister hervorgebrachte hatte: nach Jacob Böhme u.a. Gotthold Ephraim Lessing, Johann Gottlieb Fichte, Rudolf Hermann Lotze und Rudolf Bahro.

Bei der Beschäftigung mit Böhme gingen mir immer wieder auch folgende zwei Fragen durch den Sinn:

Warum ist Jacob Böhme so wenig bekannt und anerkannt in der heutigen akademischen Philosophie? Und war und ist er tatsächlich der erste deutsche Philosoph?

Auf die erste Frage fand ich nach und nach eine Erklärung: Da Böhme nie ein offizielles Studium absolvierte und daher auch nie höhere akademische Weihen erlangte, sondern sein Wissen durch intensives Selbststudium erlangte, fällt es nach wie vor vielen Professoren schwer anzuerkennen, dass dieser „einfache Schuster“ unendlich viel mehr zur modernen Geistesgeschichte beitrug als sie selbst.

Antworten auf die zweite Frage fand ich dann im Anschluss an Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Denn von ihm, aus seinen Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, stammt der denkwürdige Satz: „Jacob Böhme ist der erste deutsche Philosoph“.

Hegel würdigte damit zum einen, dass Böhme als erster in deutscher Sprache über die Grundfragen menschlicher Existenz schrieb, und zwar auf eine nicht primär religiöse und auch nicht primär alltagsprachliche Art und Weise. Zwar hatte bereits um 1300 Meister Eckart in seinen „Deutschen Predikten und Traktaten“ die deutsche Sprache gewählt, um mit seinen Gedanken über Gott und Mensch auch das einfache, des Lateinischen nicht mächtige Volk anzusprechen. Doch zwei Qualitäten, die Philosophie von Theologie unterscheidet, finden sich erst bei Jacob Böhme: Böhme ersetzt den mystischen Begriff „Gott“ an vielen Stellen durch den für weiteres Nachdenken offeneren Begriff „Ungrund“. Und Böhme betont, dass es für die Verwirklichung der menschlichen Potenziale entscheidend ist, sich ihrer bewusst zu sein und sie dazu auch konkret zu erkennen.

Aber noch in einer anderen Hinsicht war Jacob Böhme im Sinne Hegels der erste deutsche Philosoph. In Hegels „Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte“ heißt es: „Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit.“

Wenn also aller Fortschritt der Menschheit letztlich der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit ist – und Philosophie letztlich jene Kulturleistung ist, welche dieses „Bewusstsein der Freiheit“ nicht nur erforscht, sondern auch auf den Begriff und damit zur Wirkung bringt, so war Jacob Böhme der erste moderne Philosoph der Freiheit.

Zwar hatte Luther in seiner 1520 entstandenen Denkschrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ den Begriff der Freiheit als eine für alles menschliche Dasein zentrale Kategorie in deutscher Sprache fassbar gemacht. Doch diese Schrift blieb letztlich theologisch und bewirkte, wie Luther insgesamt, eine sehr ambivalente Auffassung der Freiheit.

Jacob Böhme dagegen drängte es, die Grundlagen menschlicher Freiheit auf eine Weise zu verstehen und auszudrücken, welche dem inneren Ringen des Menschen um sich selbst und seinen Lebenssinn gerecht wird. Um dies zu verdeutlichen, zuerst ein Gedanke aus seiner Schrift „Drei Prinzipien göttlichen Wesens“, der ihn unmissverständlich zum Philosophen macht und damit auch die Philosophie wieder auf die Höhe ihrer eigentlichen Intention bringt, die ihr erstmals die alten Griechen gegeben hatten:

„Es kann ihm ein Mensch von Mutterleibe an im ganzen Lauff seiner Zeit in dieser Welt nichts fürnehmen, das ihme nützlicher und nöthiger sey als dieses, daß er sich selbst recht lerne erkennen,

was er sei?

woraus oder von weme?

wozu er geschaffen worden? und

was sein Amt sey?“

Für Jacob Böhme ist ein Mensch also ein Individuum, dessen wichtigste Aufgabe es ist, seine persönlichen Prägungen und Bestimmungen zu erkennen. Denn nur, wenn er diese erkannt hat, ist er in der Lage, nicht einfach unbewusst den Regeln seiner Familie, Religion oder Nation zu folgen, sondern seine besonderen Potenziale zu verwirklichen. Um diese persönliche Bestimmung erkennen und verwirklichen zu können, ist es laut Böhme wesentlich, sich der Fähigkeit der Freiheit zu vergewissern.

Damit Freiheit nicht nur als Illusion erscheint, verortet er ihren Ursprung nicht irgendwo, sondern geradezu am Grund aller Dinge. In seinem Buch „Vierzig Fragen von der Seelen“ drückt er dies am deutlichsten in folgendem Satz aus:

„Erstlich ist die ewige Freyheit, die hat den Willen, und ist selber der Wille. Nun hat ein ieder Wille eine Sucht etwas zu thun oder zu begehren, und in demselben schauet er sich selbst: er siehet in sich in die Ewigkeit, was er selber ist; er machet ihm selber den Spigel seines gleichen, dann er besiehet sich, was er ist: so findet er nun nichts mehr als sich selber, und begehret sich selber.“

 

 

 

Die menschliche Freiheitssehnsucht, die erst aus der persönlichen Vergewisserung der Ewigkeit oder des Ganzen erwächst, ermöglicht denn auch viel mehr als nur egozentrischer Beliebigkeit. Sie führt zur persönlichen freien Entscheidung für die Liebe. In seiner Schrift „Von der Menschwerdung“ äußert er so einen weitreichenden Gedanken:

„Der wahre Glaube ist eine Macht Gottes. Ein Geist mit Gott: Er wircket in Gott und mit Gott, er ist frey und an keinen Artikel gebunden, als nur an die rechte Liebe, darinnen holet er seines Lebens Kraft und Stärcke.“

Böhmes erstaunliche Bedeutung für die menschliche Kultur‑, Geistes- und damit auch Realgeschichte erwuchs daraus, dass er als einer der ersten Denker der Neuzeit bisher so nicht erschlossene Möglichkeiten menschlicher Freiheit und Liebe bewusst machte und damit bei anderen Menschen Begeisterung inspirierte. Diese Begeisterungswirkung geschah entweder direkt, bei denen, die seine Schriften lasen; oder indirekt über jene, die direkt von ihm inspiriert wurden und diese Inspiration dann auf ihre Weise an andere weitergaben.

 

Edith Mikeleitis gelingt es in ihrer Romanbiografie, sowohl das innere Ringen Böhmes um eine neue, zeitgemäße menschliche Selbsterkenntnis als auch seine Inspirationswirkungen im unmittelbaren und weiteren Umfeld auf andere auf sehr schöne und plastische Art und Weise nacherlebbar zu machen. Die Arglist der Widersacher, welcher jeder zu spüren bekommt, der sich wie Böhme in neue menschliche Möglichkeiten vorwagt, spart sie dabei nicht aus – auch das trägt zur Spannung dieses nicht nur sehr lebensnahen, sondern auch sehr geistvollen Buches bei. Denn wie nebenbei macht sie den Leser anhand der jeweiligen Entstehungs-geschichte von Böhmes Büchern auch mit dessen konkreten philosophischen Gedanken bekannt.

Damit dieser erstaunliche philosophische Gehalt des Buches auf die sicher aus verschiedenen kulturellen Zusammenhängen stammenden Leser vorurteilsfrei wirken kann,  noch eine Bemer-kung zum Entstehungskontext und einigen nur daraus verständ-lichen sprachlichen Besonderheiten des Buches:

 

Ähnlich wie Böhme selbst seine Werke in einer schwierigen Zeit, inmitten des dreißigjährigen Krieges, verfasste, so schrieb auch Edith Mikeleitis ihr Buch in der komplizierten Situation Deutschlands um 1940 und veröffentlichte es 1941, d.h. inmitten des zweiten Weltkriegs. Da jeder Schriftsteller nicht nur ein Kind seiner Zeit ist, sondern seine Werke auch für seine Zeit schreibt, ergibt sich daraus an einigen Stellen des Buches eine seltsame Ambivalenz: Der Geist des Buches weist deutlich in eine Welt, in der die Menschheit über ideologische Machtgier und kulturelle Höhlen aller Art hinausgewachsen ist. Doch vermutlich um dies zu ihrer Zeit überhaupt öffentlich ausdrücken zu können, verkleidet Edith Mikeleitis es hin und wieder in Wortspiele, die man auch als etwas zu starke Betonung des Deutschen bei diesem ersten deutschen Philosophen deuten könnte.

Ähnlich zeitbedingt sollte man ihre an manchen Stellen vielleicht etwas zu starke Abwertung der Religionen einordnen. Auch wenn die Verfolgung und Verurteilung Jacob Böhmes durch die Kirchenvertreter seiner Zeit ein klassisches Beispiel für die geistigen Verengungen und Fehlurteile von institutionali-sierten Religionen ist, so wurde andererseits die erstaunliche geistige Leistung Böhmes nur im Kontext der christlichen Geistesgeschichte möglich und in vielfacher Weise auch durch andere christliche Philosophen vor ihm mit inspiriert.

 

Zum Schluss dieses Nachwortes noch einige Worte zu den ebenso wie sein Werk selbst erstaunlichen Nachwirkungen Jacob Böhmes. Bei Novalis findet sich ein Hinweis darauf: Novalis, dessen Vater übrigens ein Herrnhuter war, studierte sehr intensiv die Werke Jacob Böhmes. In seinen Studien zur Geschichte der Renaissance findet sich ein Satz, der zwar nicht direkt Böhme zitiert, doch der dessen befreienden Geist ebenso schön wie dieser Roman von Edith Mikeleitis zum Ausdruck bringt: „Philosophieren bedeutet die Apathie aufzulösen und zu neuem Leben zu erwachen.“

Ähnlich wie Novalis wurden viele weitere Dichter und Denker, aber darüber hinaus auch bedeutende Gestalten in Wissenschaft und Politik in aller Welt von Böhme inspiriert. Die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Marylin Ferguson umreisst in ihrem Buch „Die sanfte Verschwörung“ diese Bedeutung Jacob Böhmes für die nicht nur europäische, sondern weltweite Kulturgeschichte:

„So wie Böhme auf Swedenborg einen gewissen Einfluss ausübte, der seinerseits Blake beeinflusste, so übten alle drei eine Wirkung auf die Transzendentalisten aus (Zitateinschub von Maik Hosang: mit dem Transzententalisten meint sie dir für den amerikanischen Freiheitsgeist des 20. Jahrhunderts maßgeblichen Ralph Waldo Emerson, Henry Thoreau, Margaret Fuller und andere). Die Transzendentalisten wiederum hinterließen ihre Spuren in der Literatur, Erziehung, Politik und dem Wirtschaftsleben mehrerer Generationen, sie beeinflussten … John Dewey, die Gründer der britischen Labour Party, Ghandi und Martin Luther King und andere.“

 

Diesen Worten ist nichts weiter hinzuzufügen.

 

 

Maik Hosang, Görlitz im März 2019