Bedeutung von Jacob Böhme für                     das russische Denken

(Jacob Böhme – ganz groß)

Fotos in diesem Text stammen von WIKIPEDIA

 

Böhme war – nach unserem aktuellen Görlitzer Wissensstand -
in keinem Land so wichtig, wie in Russland!

 Jacob Böhme Texte waren schon im 17. und 18. Jahrhundert in mehreren Ländern in der Landessprache zugänglich und beeinflussten auch bald das Denken und Handeln von kleineren (Rand-) Gruppen im kirchlichen und politischen Bereich. Und in Russland?
Da wurde der ganze Böhme einfach russifiziert / nationalisiert. In Russland fand Böhme seinen Platz mitten in den Gruppen, die auf der spirituellen, der philosophischen und auf der politischen Ebene die Zukunft des Landes bestimmten:

·     *   In die Russisch-Orthodoxe Kirche wurde Jacob Böhme als Kirchenvater und Heiliger integriert. Sein Denken fand seinen Platz in den kirchlichen Ausbildungsstätten für Priester ebenso wie im Offizierskorps.

·       * Von 1670 an mussten sich alle Zaren, einschließlich „Peter der Große“ und Nicolas II (bis 1918) mit der Bedeutung von Böhmes Gedanken auseinander setzen, denn Böhme beeinflusste ab Beginn des 18. Jahrhunderts in Russland das Denken und Handeln größerer Gruppen im Landadel, im Bürgertum und am Zaren Hof.  Er wurde wichtig für  Freidenker, Kirche, Handel, Industrie und soziale Bewegungen.

 

     *   Nach der Oktoberrevolution bedurfte es eines Machtwortes Lenins, um den Einfluss von Böhmes Gedankengut (und somit Böhmes Menschlichkeit und seiner umwerfenden Versöhnlichkeit) von dem neuen Sowjet-Staat fernzuhalten. 

Bild rechts: Peter der Große

Die vielen Fakten des großen Bildes
            „Jacob Böhmes Bedeutung für Russland“
fasste 2013 der schottische Russland-Forscher Oliver Smith in einem 28 seitigen Aufsatz zusammen (sehr gründlich, sehr wissenschaftlich recherchiert - siehe Anmerkung 1 am Ende dieses Russland-Abschnitts).
 

 

Smith belegt außerdem:

1. Russland gab JB eine wirklich große Rolle. Für die Russen ist JB der SCHUHMACHER-MYSTIKER. Besonders beeindruckt waren sie anfangs von Böhmes Sophienlehre (sophia - die göttliche Weisheit, vgl. Anm. 2),
außerdem von JBs einfachen Gedanken und von seiner „Handwerker-Sprache“. 

Bild links: Die SOPHIA aus Wologda (Jesus, klein, über der Sophia) 
Russischsprachige JB-Texte gab es in Moskau schon um 1670. Russische Freidenker waren von ihm ebenso fasziniert wie orthodoxe Christen. JB wird in russischen Texten öfters als „der größte und der christlichste Gottsucher“ bezeichnet. JB steht - so wird heute gesagt - nicht neben dem russischen Denken. Nein - er gehört dazu.

 

2. Die Mehrzahl der russischen JB-Anhänger waren immer bekennende orthodoxe Christen. Sie sehen JB, so heißt es, auf der Ebene der Kirchenväter oder der Heiligen. So sehen ihn auch große russische Denker der neueren Zeit (Soloviev, Berdyaev). JB gehört einfach zur russischen Kultur und zur russischen Kirche, wird eigentlich nie geschmäht.

3. Es gilt in Russland schon  vom 17. Jhd. an als gegeben, dass intensives Lesen von Böhme-Texten einen inneren Wandel bringt und Türen zum direkten Gespräch mit Gott öffnet (Böhme wird auch deshalb gelegentlich „Gottes Bote“ genannt).

 

4. Im 17. Und 18 Jhd:  Von einem JB-Gesprächskreis in Moskau wird erstmalig im Jahr 1670 berichtet, also 35 Jahre nach JB´s Tod. Grundlage der Gespräche: mehrere russischsprachige JB-Texte.
Am Hofe Peter des Großen war Böhmes Lehre außer bei den Freidenkern auch bei vielen orthodoxen Christen bekannt und wirksam.

1789 gelangt Böhme als französisches Gedankengut nach Russland, in der Übersetzung des Textes „Les Erreurs et la Vie /Die Irrtümer und das Leben“ von Louis-Claude de Saint-Martin.
links: Stadtkulisse von Moskau

5. 19. Jhd: Zar Alexander I setzt sich mit Böhmes Gedanken auseinander, findet dabei aber nur wenig Positives, denn er schreibt 1810 an seine Schwester, dass ihm Böhmes Texte zu theoretisch sind – und dass es für den Leser schwer sei, zwischen den Wahrheiten und den Irrtümern Böhmes zu unterscheiden.                                          (Rechts: Zar Alexander I - 1777- 1825)
-  Böhmes gesammelte Werke liegen 1815 in Russisch vor. Böhme ist weiterhin ein fester Bestandteil des kulturellen wie des religiösen Lebens in Russland. Auch dem Zar Nicolas II (bis 1918) war Böhme vertraut. In seinen Offiziers-Corps und in den christlich-orthodoxen Ausbildungszentren ist Böhme weiterhin wichtig.
-  Mehrere wohlhabende russische Familien versuchen - durch die Architektur ihrer Gärten - Böhmes Konzept zur NATUR und zur SIGNATUR DER DINGE so zu visualisieren, dass der Besucher Gottes Enthusiasmus für die einzelnen Teile der Schöpfung erkennt. Der Besucher sollte auch erkennen, dass das äußere Bild der Dinge nur ein Reflex des entsprechenden inneren Bildes ist.

6. Im 20. Jhd: Die Frau des Zaren Nicolaus II (bis 1918 ) las Böhme um 1910, schätzte ihn und diskutierte ihn bei Hofe.


7. In der Bolschewiki-Regierung muss es anfangs Böhme-Freunde gegeben haben (1923 wurde z.B. Papier bewilligt für den Druck der AURORA und weiterer Böhme-Texte). 
Oben: Zar Nicolas II mit Ehefrau Alexandra

Lenin kannte und respektierte JB als Philosophen, doch als es um die Konsolidierung der Partei ging, stufte Lenin JB als „materialistischen Theisten“Vgl. Anm.  2  ein und sagte zur Person von JB: „Er verehrt diesen Gott nicht nur, sondern er hält ihn auch für mächtig. Für JB ist Gott stofflich. Das ist JB´s Mystizismus.“.
Damit war JB aus der Liste der Partei-konformen Philosophen gestrichen, doch mehrere großartige emigrierte russische Künstler und Denker arbeiteten weiterhin für westliche Leser über JB. Bsp.: 
Der weltweit gelesene russisch-orthodoxe Freiheitsphilosoph  Berdyayev (1874 – 1948). 

Er orientiert sich sehr an Böhme, ist von Böhme fasziniert und versorgt die Welt mit einfach formulierten Kurzdarstellungen zu Böhmes komplizierten Aussagen zur Schöpfung, zu Gott, zu Christus.

Bild links: Russische Gläubige heute
8. Ab 1950 setzte die verbreitete Lektüre von JB-Texten im Moskauer esoterischen Untergrund viele frische, kreative Kräfte frei – und seit 1989 wurden fast ein Dutzend JB-Texte neu gedruckt.
Seit 1989 gab JB an russischen Universitäten Stoff für mehrere Doktorarbeiten.
- In der neu herausgegebenen Enzyklopädie zur russischen Kirche sind Jacob Böhme drei Seiten gewidmet.

 

 

Nachtrag für Görlitzer Leser:

1. Böhme und die Sophia: Als Görlitzer wissen wir: Zu Böhmes Lebzeiten reisten viele Russen über die VIA REGIA nach Westen (Wien, Paris, Brüssel, …), passierten dabei Böhmes Haus an der Neiße-Brücke, mussten hier evtl. auch auf Durchfahrt warten, übernachteten in Görlitz.
- Böhme war ein großer, grenzenlos neugieriger Frager – und ein großer Zuhörer, dessen Texte nicht nur einige wichtige Gedanken der jüdischen Mystik (Kabbalah) wiederspiegeln, sondern auch Werte der Sophia aus der Orthodoxen Kirche. Wir nehmen an, dass Böhme auf seine Fragen von durchreisenden Russen viel Wissen zur SOPHIA erhielt- und sie dann, als deutscher Lutheraner, als Handwerksmeister und als Anfangsdenker verwandte, um der SOPHIA in seinem Bild der Schöpfung etc. eine große Rolle zu geben. Dabei erweiterte er die Rolle der Sophia beachtlich. Das gefiel den Russen – und einige versuchten wohl mit Böhmes Hilfe, einige von Böhmes Sophia-Textpassagen zu übersetzten. Dies wird öfters erwähnt, aber bisher nicht belegt. Ob es da doch Quellen gibt?

2. Das Kriegsschiff AURORA: Nicht belegt ist ebenso die Vermutung, dass Böhmes Werk AURORA Pate stand für den Namen des Kriegsschiffes, das mit einem Schuss auf den Winterpalast die Oktoberrevolution eröffnete.

 

 3. Unzerstörtes Görlitz: Belegt ist, dass die Rote Armee 1945 den Ort Schreiberau/ Riesengebirge  schützte, weil hier Gerhard Hauptmann wohnte. Sie schützte auch Geburtshaus und Grabstätte von Leopold von Buch, eines für Russland wichtigen Geologen.
Aber für den Analog-Schluss, dass Görlitz einer Zerstörung durch die Rote Armee entging, weil Böhme (ein den Russen wichtiger Denker), hier seine Wirkungsstätte hatte, ist nicht belegt.

Anmerkungen

Anmerkung 1:  Quelle: „The Russian Boehme“ von Oliver Smith, ein sehr gründlich ,wissenschaftlich recherchierter Artikel, publiziert 2014 in
    "An Introduction to Jacob Boehme  - Four Centuries of Thought and Reception"
    ("Eine Einführung zu Jacob Böhme. - Gedanken aus vierhundert Jahren - und ihre Aufnahme") -
Edited by 
Ariel HessayonSarah Apetrei”, 315 Seiten, Beiträge von 15 Autoren.

Anmerkung 2:  Lehre, nach der Gott die Welt schuf – und sie seither lenkt.
Anmerkung 3:  , Das Konzept der Sophia, also der göttlichen Weisheit und Demut, gilt in den Orthodoxen Kirchen als wichtigster Teil der Gottheit, die in Form des Jesu Mensch wurde.
Ein Zeichen für die überragende Bedeutung der Sophia ist: In Istanbul/ Konstantinopel, ebenso wie in Kiew, Nowgorod und anderen früheren russischen Hauptstädten sind jeweils Sophia-Kirchen (Hagia Sophia).
Für die Orthodoxen ist die SOPHIA der weibliche Teil Gottes. Sie steht neben der männlichen Dreifaltigkeit.
Die Sophia (als Weisheit und Demut) ist eine Energiequelle Gottes, ebenso wie Liebe, Glaube und Gnade. Die Demut ist dabei der höchste und  wichtigste Wert dieser Weisheit - und für den Menschen der Schlüssel zur Himmelstür.